Lesezirkel am Montag*, 21. September 2026, 18:30

57. Treffen des SADOCC- Lesezirkels für afrikanische Literatur in der SADOCC-Bibliothek am Montag*, 21. September 2026, 18:30 Uhr
* ausnahmsweise um 1 Tag auf den 4. Montag des Monats vorverschoben wegen Lesung Mia Coutos in der Alten Schmiede am 22. Sep. 2026, 19 Uhr

Diskussion von Mia Coutos (Moçambique) jüngstem auf Deutsch übersetzten Roman A Cegueira do Rio, 2024 / Der blinde Fluss, 2026

Mia Couto

Am 5. Juli 1955 wurde António Emílio Leite Couto als zweiter von drei Söhnen in Beira, Moçambique geboren. Seine Eltern waren aus Portugal eingewandert.
In seiner Jugend schrieb er Gedichte, begann ein Medizin-Studium und engagierte sich im antikolonialen Befreiungskampf. Er fühlt sich als Afrikaner; die drei Brüder sind in Moçambique geblieben, während ihre Eltern später nach Portugal zurückkehrten.
In der jungen Republik Moçambique war er mehrere Jahre als Journalist und Chefredakteur tätig und veröffentlichte sein erstes Buch, einen Gedichtband. Als Schriftsteller nennt er sich Mia Couto.
Ab 1985 studierte er Biologie. Während er seit seinem Abschluss als Biologe arbeitete, sich auf Umweltforschung spezialisierte und auch an der Universität lehrte, veröffentlichte er Erzählungen und Romane, von denen mehrere auf Deutsch übersetzt erschienen sind: Das schlafwandelnde Land, 1994; Unter dem Frangipanibaum, Neuauflage, 2007; Jesusalem, 2014; Das Geständnis der Löwin+, 2014; Imani, 2017; Asche und Sand+, 2021; Der Kartograf des Vergessens, 2023; Der blinde Fluss, 2026. Zwei+  davon haben wir bereits gemeinsam diskutiert, beide eher kontrovers.
Mia Couto wurde mit Journalisten- und zahlreichen Literatur-Preisen ausgezeichnet.


Diesen Roman haben wir wegen der Lesung Mia Coutos in der Alten Schmiede für unsere Diskussion gewählt, die Ilija Trojanow moderiert und bei der die Übersetzerin Barbara Mesquita als Dolmetscherin mitwirkt. Einen Monat später gibt es in der Alten Schmiede auch eine Gelegenheit für Leser/innen, den Roman zu diskutieren.
Der SADOCC-Lesezirkel wird ihn am Tag VOR der Autoren-Lesung diskutieren. So bietet sich uns eine seltene Chance, vorbereitet mit dem Autor ins Gespräch über sein Buch zu kommen.

Der blinde Fluss
Dieser Roman wirkt nicht leicht zugänglich – aber die Mühe scheint sich zu lohnen. Er ist komplex konstruiert, und um mehr von den Zusammenhängen zu verstehen, müsste man ihn wohl zweimal lesen.
Der Einband besticht durch die Schönheit des Bildes, im Inneren finden wir Abbildungen zu Beginn jedes Kapitels, die Modelle für Initiations-Zeremonien der Ethnie der Yao zeigen.
In der „Vorbemerkung des Autors“ weist Mia Couto auf die historischen Ereignisse hin, die ihn zu diesem Buch inspiriert haben: Der Maji-Maji-Aufstand von 1905-1907 und der deutsche Überfall auf den portugiesischen Militärposten Madziwa im August 1914.
Die Kapitel-Überschriften führen uns in eine fremde Welt, und ihr Sinn mag zunächst rätselhaft erscheinen. Jedes Kapitel und jeder der recht kurzen Abschnitte beginnt mit einem Zitat aus der Weltliteratur oder einem Sprichwort einer afrikanischen Ethnie.
Die Anzahl von Hauptfiguren ist relativ überschaubar: Im Mittelpunkt stehen die aus dem afrikanischen Dorf Milepa stammenden Brüder Nataniel Jalasi, Hilfssoldat des portugiesischen Feldwebels Bruno Estrela, und Matias Kirimi, Hilfssoldat der deutschen Schutztruppe; ihre Mutter Alile lebt dort, auch der Padre Sisnando Baião und die Prophetin Aluzi Msafiri; außerdem reist die portugiesische Adelige Constança dorthin, Mutter von Flávia, der Verlobten von Bruno Estrela; sie tut dies in Begleitung einer Abordnung aus dem portugiesischen Regierungspalast auf der Moçambique-Insel unter der Leitung des Hauptmanns Centeno; der deutsche Arzt Hadrian Schreiber taucht schließlich auch dort auf.
Auf erzählende Passagen folgen häufig „Stimmen“ einzelner Figuren aus ihrer Ich-Perspektive. So entsteht Vielstimmigkeit, wobei Mia Couto den afrikanischen Figuren deutlich mehr Raum gibt als den europäischen Repräsentanten der Kolonialmächte.
Der Fluss Rovuma trennt die Territorien der deutschen und der portugiesischen Kolonien. Er wird aus der Sicht der lokalen Mythen als blind dargestellt; in europäischer Sichtweise ist er auch mit der Flussblindheit verbunden, unter der der Feldwebel Bruno leidet.
Im Verlauf der phasenweise chronologisch erzählten Handlung, die häufig von Rückgriffen auf die Vorgeschichte unterbrochen wird, verschwindet auf magische Weise die Schrift aus allen Dokumenten und Landkarten sowie die Schreibfähigkeit der Kolonisatoren. Dies kann als symbolisch für den Wunsch der afrikanischen Bevölkerung verstanden werden, dass die Verhältnisse umgedreht werden und die Afrikaner/innen sich selbst ihrer Geschichte ermächtigen.
Mia Coutos bilderreiche Sprache ist äußerst beeindruckend. In allen Rezensionen wird die besondere Leistung von Barbara Mesquita, der Übersetzerin ins Deutsche, hervorgehoben.
Am 21. September werden wir beim SADOCC-Lesezirkel-Treffen diskutieren, wie dieser Roman bei jeder und jedem von uns angekommen ist – das wird spannend!

Neue Teilnehmende sind uns willkommen. Anmeldung erbeten bei Lotte Rieder-Fraunlob