Zusammenfassung der Diskussion Fatin Abbas’ Roman Ghost Season / Zeit der Geister, 26. Mai 2026
Der SADOCC-Lesezirkel für afrikanische Literatur diskutierte am 26. Mai 2026 mit 14 Teilnehmenden den Roman Ghost Season (2023) / Zeit der Geister (2024) von Fatin Abbas, einer aus dem Sudan stammenden, in der Diaspora in den USA lebenden Autorin.
Fast alle von uns sind sehr angetan bis begeistert von diesem Roman.
Er hat in unserem Lesezirkel dazu beigetragen, ein gewisses Verständnis für Konflikte zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu entwickeln, die im Grenzgebiet zwischen dem Norden und dem Süden des Sudan leben (seit 2011 ist Südsudan ein eigener Staat). Dies gelingt, auch wenn es darin nicht um die aktuelle Krise im Sudan geht, sondern um die Bürgerkriegszeit 2001-2002.
Was das Buch besonders zugänglich macht, ist die überschaubare Anzahl von fünf Hauptfiguren, aus deren Perspektiven die Geschichte erzählt wird. Diese fünf Figuren werden dargestellt, während sie unterschiedliche persönliche Entwicklungen durchlaufen, als der Bürgerkrieg ins Gelände der amerikanischen NGO in der fiktiven Grenzstadt Saraaya hereinschwappt.
Alex ist ein amerikanischer Kartograf, der moderne Karten der Region erstellen soll, um Hilfsmaßnahmen zu erleichtern; William ist ein Nilot aus dem Süden, eigentlich ein studierter Buchhalter, der als Alex’ Dolmetscher fungiert; Layla, die aus einer Nomadenfamilie stammt, ist die Köchin, in die William sich verliebt hat; Mustafa ist ein Bub, der seinen Vater verloren hat und mit allen erdenklichen Mitteln versucht, genug Geld zu verdienen, um wieder zur Schule gehen zu können – William gibt ihm kleine Aufträge für die Hilfsorganisation; und Dena ist eine sudanesisch-amerikanische Filmemacherin aus der Diaspora, die in den Sudan gekommen ist, um mehr über das Herkunftsland ihrer Eltern zu erfahren – eine Figur, die teilweise eigene Erfahrungen der Autorin als NGO-Mitarbeiterin im Sudan widerspiegelt.
Die Themen dieses Romans umfassen Klimawandel, Vertreibung, Gemetzel, Leid, Terror, Angst – aber auch Heilung, Liebe und Ehe; die Handlung, die mit einer Leiche beginnt und mit einer weiteren Leiche endet, wird fast leichtherzig erzählt, stellenweise mit feinem Humor, sodass wir Leser*innen die fünf Figuren immer mehr ins Herz schließen.
Nur eine Teilnehmerin unseres Lesezirkels findet, dass William, die Vermittler-Figur, ein bisschen zu gutaussehend, großzügig und verständnisvoll dargestellt sei, um glaubwürdig zu wirken.
Die meisten von uns sind tief beeindruckt von der literarischen Kraft der Autorin: ihrer Fähigkeit, Gewalt und Unterdrückung sichtbar und greifbar zu machen – und doch nicht dabei stehen zu bleiben. Ihre Figuren haben keine naiven Illusionen, sondern stehen für Widerstand und Bewahrung von Menschlichkeit trotz aller Schrecken des Bürgerkriegs; sie verkörpern vor allem die Hoffnung, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft, die das Schicksal zusammengeführt hat, durch gemeinsame Erfahrungen vereint werden und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit entwickeln.
